Arnd Helsson: Mutter gratuliert Sohn zum Fünfzigsten

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Mutter gratuliert Sohn zum Fünfzigsten

© Arnd Helsson

Fünfzig Jahre weilst Du schon
hier auf dieser Erden
und ich frage Dich, mein Sohn:
Was soll aus Dir nur werden?

Seit fünfzig Jahren Tag und Nacht
liegst Du mir auf der Tasche,
zu nichts hast Du’s bisher gebracht,
Du bist und bleibst ne Flasche!

Doch heute, heute, heut’ mein Bub,
heut’ zu Deinem Feste
wünsch ich von ganzem Herzen nur
Dir das Allerbeste!

***
Stichwörter:
Gedicht, lustiges Gedicht, Arnd Helsson, Mutter, Sohn, Geburtstag, Geburtstagsgedicht

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Arnd Helsson: Hoch lebe Onkel Willibald

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Hoch lebe Onkel Willibald

© Arnd Helsson

Hoch lebe Onkel Willibald,
der heut Geburtstag hat!
Hoch lebe Onkel Willibald,
der Schönste in der Stadt!

Auf Willibald ein dreifach HOCH!
Er wird heut fünfzig Jahre
und auf dem Kopfe hat er noch
genauso viele Haare.

***
Stichwörter:
Gedicht, lustiges Gedicht, Arnd Helsson, Willibald, Haare, Glatze, Geburtstag, Geburtstagsgedicht

Fossil Siegelbaum

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Fossil - Siegelbaum

Fossil – Siegelbaum


Fossil – Fossilien – Versteinerungen – Fossilfunde – Karbon – Perm – Kohle – Steinkohle-Zeitalter – Pflanzenabdruck – Siegelbaum – Sigillaria – Sigillariaceae – Bärlapp – Schmeils Pflanzenkunde – Bergehalde Lydia – Saarland – Saarkohlenwald

Fossil – Siegelbaum – Sigillaria sp.

Dieses prächtige Fossil habe ich gestern – am 09. März 2011 – auf der Bergehalde Lydia gefunden. Das vollständige Fundstück ist 16 Zentimeter lang und 4 bis 6 Zentimeter breit. Der starke Blaustich ist auf dem versteinerten Brocken nicht zu sehen. Er ist darauf zurückzuführen, dass ich die Farbsättigung des Fotos stark erhöht habe, damit die Einzelheiten deutlicher zu erkennen sind.
Vor ein paar Tagen habe ich zufällig in einer Kiste ein uraltes Schulbuch entdeckt, nämlich Schmeil, Franke-Witzig: Pflanzenkunde, Heft 5, 7. Auflage aus dem Jahre 1912. Darin finden sich auch Zeichnungen von Fossilien aus der Karbonzeit, unter anderem die folgende Abbildung, welche die versteinerte Stammoberfläche eines (1) Schuppen- und eines (2) Siegelbaumes zeigt. Diese Darstellungen sind so charakteristisch, dass man sie sich leicht merken kann.
Fossilien Schuppenbaum Siegelbaum
Als ich gestern auf der Halde Lydia war, hatte sich eine dichte Wolkendecke vor die Sonne geschoben. Da die Lichtverhältnisse für Landschaftsaufnahmen sehr ungünstig waren, schaute ich, ob ich in den Schutthaufen vielleicht ein paar interessante Fossilien entdecke. In der Tat habe ich ein paar schöne Stücke gefunden. Unter anderem das abgebildete Prachtstück. Hier dachte ich sofort an den Siegelbaum aus Schmeils Pflanzenkunde. Um mich zu vergewissern, meldete ich mich im Forum von http://www.mineralienatlas.de an und bat um eine Bestimmungshilfe. Schon kurz darauf wurde mir bestätigt, dass es sich um einen Abdruck eines Siegelbaumes aus der Gattung Sigillaria handelt.
Über den Siegelbaum weiß Wikipedia zu berichten: „Die Sigillariaceae sind eine Familie vorwiegend baumförmig wachsender, ausgestorbener Bärlapppflanzen, die im Karbon Teil der Steinkohle-Sümpfe waren … Charakteristisches Merkmal sind die Blattblasen, die im Umriss sechseckig sind, seltener elliptisch … Sie sind schraubig am Stamm angeordnet, scheinen aber häufig in senkrechten Reihen zu stehen. Die eigentliche Blattnarbe ist meist elliptisch, in der Mitte sitzt die Blattspur-Narbe … Die Sigillariaceae besaßen Blätter nur an den Enden der Sprossachsen, wo sie dicht standen. Die Blätter waren lang …“
Das Fundstück zeigt also offenbar die Oberfläche eines Astes, aus der an den narbigen Stellen jeweils ein Blatt herauswuchs.
Bei Wikipedia ist ferner zu lesen, dass Sigillariaceae vom Karbon bis zum Perm – vor 359 bis 251 Millionen Jahren – zu finden waren. Ich habe also den Abdruck einer Pflanze gefunden, die schon vor vielen, vielen Millionen Jahren ausgestorben ist.

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Stichwörter:
Fotos, Bilder, Fossilien, Siegelbaum

Fossilienfundort

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Fossil - Farn

Fossil — Farn

Fossilien-Fundort: Bergehalde Lydia

Die Fossilien, die ich in diesem → Fossilfunde zeige, habe ich auf der Bergehalde Lydia gefunden. Zur Halde Lydia gibt es einen eigenen Blog.
Hier ein paar Informationen zur Halde.
Unmittelbar nördlich von Saarbrücken befindet sich eine dicht bewaldete Region, in der bis vor wenigen Jahrzehnten intensiver Steinkohlebergbau betrieben wurde. Ein besonders attraktives Relikt des Bergbaus ist die Bergehalde Lydia. Sie befindet sich nördlich von Saarbrücken zwischen Dudweiler im Osten und Fischbach im Westen.
Der Begriff „Bergehalde“ ist abgeleitet von dem bergbautechnischen Bergriff „Berge“, womit der Abraum gemeint ist, der beim Bergbau anfällt. Die Bergehalde Lydia ist schlicht und ergreifend ein Schutthaufen, der aus Abfällen des Steinkohlebergbaus besteht. Die Halde Lydia ist aber nicht nur ein kleiner Schutthaufen, sondern ein gigantischer Schuttberg auf einer Grundfläche von 66 ha. Die relative Höhe beträgt 60 bis 120 Meter. Die Halde Lydia ist in vielerlei Hinsicht ein attraktives Ausflugsziel. Die Halde selbst bildet eine bizarre Landschaft, sie bietet großartige Ausblicke über den Saarkohlenwald, das Fischbachtal, das Sulzbachtal, nach Saarbrücken bis nach Frankreich.
Was für diesen Blog besonders interessant ist: Auf der gigantischen Halde finden sich unzählige Fossilien. Man muss nur aufmerksam hinschauen, dann findet man überall versteinerte Abdrücke von Pflanzen aus der Urzeit. Die meisten sind wenig spektakulär, aber nicht selten finden sich außerordentlich gut erhaltene Zeugen längst vergangener Zeiten.
Die Steinkohle entstand aus Pflanzen, die im Zeitalter des Karbon wuchsen, verschüttet wurden, in Sümpfen untergingen, von immer neuen Schichten überlagert wurden und im Laufe von Millionen Jahren unter dem ungeheuren Druck der überlagernden Schichten versteinerten. Das Karbon (von lat. carbo = Kohle) begann von rund 360 Millionen Jahren und endete vor rund 300 Millionen Jahren.
Da die Bergehalde Lydia aus Abfällen des Steinkohlebergbaus besteht, ist davon auszugehen, dass die Fossilien, die auf diesem Blog zu sehen sind, gut 300 Millionen Jahre auf dem Buckel haben.

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Stichwörter:
Fotos, Bilder, Fossilien

Reptilienblog

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Nashornleguan

Nashornleguan

Reptilienblog – Einführende Worte

In diesem Blog geht es – wie der Name „Reptilienblog“ sagt – um Reptilien.
In diesem Blog will ich eigene Reptilienfotos und Wissenswertes über Reptilien präsentieren.

Etwas Wichtiges gleich zu Anfang: Ich bin kein Fachmann für Reptilien und habe auch sonst keine besonderen Beziehungen zu Reptilien. Wenn ich hier Informationen präsentiere, dann sind diese allesamt „aus zweiter Hand“. Wo es sinnvoll und notwendig ist, werde ich jeweils die Quellen explizit angeben.

Ich fotografiere gerne und ich bin relativ oft in der freien Natur unterwegs. Dabei ist mein Aktionsradius allerdings außerordentlich klein. Nur selten bin ich mehr als fünf Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt. Diese befindet sich in Dudweiler, das ist der nördlichste Stadtbezirk von Saarbrücken. Meine bevorzugten Fotomotive sind Tiere und Pflanzen. Bei den Tieren gilt mein besonderes Interesse den Insekten und hier vor allem Schmetterlingen und Libellen.
Bei meinen Spaziergängen begegnen mir naturgemäß nur selten Reptilien. Die einzige Ausnahme sind Eidechsen, die ich von April bis Oktober sehr häufig antreffe. An kleineren Teichen sehe ich hin und wieder ein paar Schildkröten. Und sehr, sehr selten läuft mir mal eine Ringelnatter oder eine Blindschleiche über den Weg.
Dass ich trotzdem zahlreiche Reptilienfotos habe, liegt daran, dass ich gelegentlich den Saarbrücker Zoo besuche. Der Saarbrücker Zoo ist zwar sehr klein und das Reptilienhaus ist ebenfalls sehr bescheiden, dennoch kann man dort ein paar Vertreter der vier großen Gruppen – Schildkröten, Echsen, Schlangen und Krokodile – anschauen. Vor allem wenn das Wetter ungemütlich ist, ist das Reptilienhaus mein bevorzugter Ort im Zoo. Sämtliche Fotos von nicht-einheimischen Reptilien in diesem Blog stammen aus dem Saarbrücker Zoo.

Noch ein Wort zum Fotografieren: Meine Fotoausrüstung ist sehr bescheiden. Die meisten Fotos wurden mit einer 159-Euro-Kamera von Fuji aufgenommen. Aber ich denke, die Fotos können sich trotz der bescheidenen Fotoausrüstung sehen lassen.

So – nun wünsche ich allen Besuchern dieses Blogs viel Freude. Da der Blog nach und nach wachsen wird, lohnt es sich, hin und wieder mal reinzuschauen.

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Stichwörter:
Fotos, Bilder, Reptilien, Leguan, Nashornleguan,

Entenvögel und ich

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Rostgans

Rostgans

Entenvögel und ich

In diesem → Blog (Entenvögel) geht es um Entenvögel, also laienhaft gesprochen um Enten, Gänse und Schwäne.
Im vorliegenden Beitrag geht es – wie die Überschrift „Entenvögel und ich“ schon sagt – um meine persönliche Beziehung zu Entenvögeln.

Als Erstes möchte ich betonen: Ich bin kein Experte für Entenvögel. Die Informationen, die in diesem Blog geliefert werden, habe ich mir erst in jüngerer Zeit zusammengesucht. Dabei waren die ausgezeichneten Artikel der online-Enzyklopädie Wikipedia die wichtigste Informationsquelle.

Auch in meinem alltäglichen Leben habe ich keine besondere Beziehung zu Entenvögeln. In meiner unmittelbaren Umgebung bekomme ich sie so gut wie gar nicht zu Gesicht. Die einzige Ausnahme sind Stockenten. Wenn ich Stockenten sehen will, muss ich nur ein paar Hundert Meter zur Sulzbachtalaue in Dudweiler laufen; dort sind sie das ganze Jahr über anzutreffen. Hin und wieder sehe ich auch mal Stockenten am Fenster vorbeifliegen.

In einer Viertelstunde erreiche ich mit dem Bus das Saar-Ufer in Saarbrücken. Hier ist – mitten in der Stadt – das Angebot schon ein wenig vielfältiger. An der zentral gelegenen Wilhelm-Heinrich-Brücke „wohnen“ neben Stockenten auch Schwäne und Nilgänse und beim Spaziergang an der Saar im City-Bereich sind mir auch schon Reiherenten begegnet.

Eine noch größere Vielfalt bieten der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken, der Saarbrücker Zoo und die Saar an der Güdinger Schleuse. Leider sind diese drei Orte für mich nicht besonders günstig gelegen. Da ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen bin, muss ich alleine für Fahrt- und Wartezeiten gut anderthalb Stunden in Kauf nehmen. Wenn ich aber doch mal die Zeit aufbringen kann, werde ich dort mit schönen Begegnungen belohnt. Ich denke, dass dies durch die Fotos auf diesem Blog deutlich wird. Und ich hoffe, dass ich vielen Besuchern mit den Fotos und den Texten auf diesem Blog eine Freude bereiten kann.

Ich finde Entenvögel ausgesprochen sympathisch, es bereitet mir viel Freude, sie zu beobachten und ihnen nahe zu kommen, und ich freue mich immer wieder, wenn mir ein schönes Foto gelingt.


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Entenvögel, Enten, Gänse, Schwäne,Fotos, Fotografie, Tierfotos

Manfred Schröder: Der große Sturm

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Der große Sturm

© Manfred Schröder

Riesig dunkle Weiber
mit Brüsten übervoll.
Wälzen ihre Leiber
und gebärden sich wie toll.

Längst haben sie verschlungen
der Berge Überzahl.
Schon kommen sie gedrungen
ins versteckte Tal.

Ein letztes, grelles Blitzen,
ein letzter Donnerhall.
Derweil die Menschen sitzen
wie Schafe, eng im Stall.

Dann brechen Himmelsschranken
und Urquell stürzt herab.
Lässt die Häuser wanken
in einem Wassergrab.

***
Gedicht, Sturm, Donner

Ronald Henss: Der Osterhase und die Saarschleife bei Mettlach

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Der Osterhase und die Saarschleife bei Mettlach
© Ronald Henss

Als der Osterhase
ins Saarland kam,
erkundigte er sich
als Erstes
nach dem Weg nach Mettlach.
Wollte er doch
in diesem Jahr
mal eine Saarschleife
um die Eier binden.

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Stichwörter
Gedicht, lustiges Gedicht, Ostergedicht, Osterhasengedicht, Saarschleife, Mettlach, Ostereier, Ostereiergedicht

Ronald Henss: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich

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Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich

© Ronald Henss

Wenn die Kassiererin,
die nur mit Not ihren Lebensunterhalt bestreitet,
an der Supermarktkasse 15 Cent Flaschenpfand unterschlägt,
wird sie fristlos entlassen.

Wenn Bank-Manager
Tausende Milliarden verzocken
und die ganze Welt in den Abgrund stürzen,
werden ihre Millionen-Boni durch Steuergelder finanziert.

***
Gesetz, Banker, Millionäre,

Ronald Henss: Der Banker

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Der Banker

© Ronald Henss

Sein Sinn ist vom Studieren der Bilanzen
so scharf geworden, dass ihm nur noch eines zählt.
Er schwebt im Universum der Finanzen
und die Milliarde ist der Baustein seiner Welt.

Er treibt die Gier-Spirale,
die sich entfesselt schnell und schneller dreht,
bis er mit einem Male
auf einem Trümmerhaufen von Billionen Schulden steht.

Dann eilt der Staat zu Hilfe
und von der Bürger Geld
zahlt er Millionen-Boni —
schon ist für den Banker sie wieder heil, die Welt.

***
Gedicht, Banker, Geld, Gier, Geldgier

Hans Seldron: Ostertradition

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Ostertradition

© Hans Seldron

Als Jesus kam nach Golgatha,
gab’s keine bunten Eier
und Hasen war’n auch keine da,
drum frag ich Dich:
Was soll die Osterfeier?

Das Osterfest hat Tradition,
der Winter ist vertrieben.
Das feierten unsere Ahnen schon,
drum rat ich Dir:
Schenk bunte Eier Deinen Lieben.

***
Gedicht, Ostern, Ostergedicht, Ostertradition, Osterfest, Ostereier

Ronald Henss: Grand Prix der Volksmusik 2004

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Grand Prix der Volksmusik 2004

© Ronald Henss

Beuge dich vor grauem Haar
sprach zu mir die Omama.
Und ich beugte mich vor ihr.
Hundert Euro gab sie mir.

Die hundert Euro steck ich ein.
Dank dir, liebstes Omilein.
Morgen komm ich wieder her.
Dann gibt’s hoffentlich noch mehr.

Herzlichen Glückwunsch an die Ladiner, die heute (04. September 2004) mit ihrem Lied „Beuge dich vor grauem Haar“ beim Grand Prix der Volksmusik 2004 den ersten Platz belegt haben.

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Stichwörter:
Grand Prix, Volksmusik, Ladiner, Omama, Oma, Gedicht

Wilma H.: Aus meinem Leben

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Aus meinem Leben

© Wilma H.

Am 8. Mai war der Krieg endgültig zu Ende. Ich ging auch wieder zur Arbeit. Mit dem Kindergarten war nichts mehr. Den hatte die Kirche wieder übernommen. Obwohl die Arbeitsplätze knapp waren, hat meine Mutter eine Stelle für mich ausfindig gemacht. Es war die Milchsammelstelle. Jeder Bauer hatte in dieser Zeit mehrere Kühe. Die Milch wurde morgens und abends zur Sammelstelle gebracht. Die Milch wurde hier gereinigt und gekühlt, in große Milchkannen gefüllt und mit einem LKW abgeholt. Es war keine schwere Arbeit. Nur musste ich früh aufstehen und das jeden Tag, auch sonntags. In der Winterzeit habe ich mich gefürchtet. Überall war es dunkel und nirgends ein Mensch zu sehen. Die Sammelstelle war beim Bauer B. Doch in punkto Arbeit kannte meine Mutter keine Gnade.

Nun kamen auch die ersten Flüchtlinge in unserem Dorf an. Das waren die Deutschen aus Jugoslawien und Rumänien. Aus Ostpreußen und den Oststaaten wurden die Deutschen vertrieben. Ein großer Flüchtlingsstrom war unterwegs. Als die ersten Flüchtlinge ankamen, sind sie mehr bestaunt als begrüßt worden. Die älteren Frauen waren ganz in Schwarz gekleidet. Ihre Haare waren zu einem Zopf geflochten und wie ein Kranz um den Kopf gelegt. Meistens trugen sie ein Kopftuch. An ihre Essgewohnheiten haben wir uns schnell gewöhnt. Erst haben wir ihr Paprika belächelt, doch bald wurde es bei uns auch gepflanzt. Es herrschte eine große Wohnungsnot. Waren doch noch die vielen Mensche, die in der Stadt ihre Wohnung verloren hatten, auf den Dörfern, so mussten auch noch die Flüchtlinge aufgenommen werden. Jeder, der nur ein Zimmer mehr hatte, musste es zur Verfügung stellen.

Es war gleich nach Kriegsende, vielleicht war es auch schon früher, so genau weiß ich es heute nicht mehr, als wir mit dem Hausbau anfingen. Zuerst wurden die Ställe gebaut. Ein Platz für die Tiere geschaffen. Ein Schwein, eine Ziege, mindestens 20 Stallhasen, Hühner und Enten mussten untergebracht werden. Wir waren richtig froh und stolz, ein eigenes Plätzchen zu haben. Der Garten wurde zum größten Teil mit Tabak bepflanzt. Mein Vater war ein starker Raucher und Tabak wurde knapp. Auch für einen Zwetschgenbaum und Gemüse war noch Platz. Als wir dann mit dem Hausbau begannen, folgte Schwerstarbeit. Meine Eltern und ich haben mit dem Spaten den Keller ausgegraben. Heute ist so etwas nicht mehr denkbar. Helmut war Soldat und kam erst später zur Hilfe. In K. im Steinbruch haben wir mit einem LKW Steine geholt. Es waren unebene Steine, die wir im Keller verarbeiteten. In der Zuckerfabrik holten wir Abrisssteine, von denen zuerst einmal zu Hause der Mörtel abgeklopft werden musste, ehe sie vermauert wurden. Meine Mutter und ich haben den Kalk gelöscht und den Mörtel gerührt. Ohne Maschine. Es war eine harte Arbeit, bis die letzte Ziegel auf dem Dach war. Der Innenausbau war noch nicht fertig, als meine Eltern einzogen. In der Anfangszeit fehlte noch die Treppe, da ging es mit der Leiter hoch. Trotz harter Entbehrungen war jeder froh, im eigenen Haus zu sein.

Die Nachkriegszeit war für mich eine schöne Zeit. In C. war jeden Sonntag Tanzmusik. Dort gingen wir immer hin. Man kann schon sagen, die ganze Dorfjugend. Im Sommer 1945 habe ich meinen Mann kennen gelernt. Eigentlich mochte ich ihn gar nicht. Was mir gut gefallen hat: er konnte ausgezeichnet tanzen, obwohl auch er es nie gelernt hatte. Ich habe niemals mehr so gern und gut getanzt wie mit ihm. Außerdem hatte er schöne Hände und dunkle Augen. Das hat mir gefallen. Ansonsten fühlte ich mich noch zu jung, um mich an jemanden zu binden. Doch da war er sehr hartnäckig. Er kam einfach zu uns nach Hause. Das hat mich so geärgert, dass ich wegging wenn er kam. Da hat er bei meiner Mutter gesessen und gesagt, er kommt wegen Helmut. Zu meinem Geburtstag hat er mir Nähnadeln und etliche Metallknöpfe geschenkt. Da hat er sich mächtig angestrengt, und meine Freude über das Geschenk war riesengroß. Es gab ja nichts zu kaufen, das Geld war wertlos. Nur durch ein Tauschgeschäft konnte man zu etwas kommen. Fred hatte nachts einen Korb voll Trauben gestohlen und gegen die Nadeln eingetauscht.

Im Sommer 1946 waren wir fest zusammen. Als wir im Dezember 1947 heirateten, also noch vor der Währungsreform, gab es so gut wie nichts zu kaufen. Trotzdem war es ein schönes Fest. Mit Kaffee und Kuchen. Zum Abendessen gab es Knödel und einen deftigen Hasenbraten. Das hat allen geschmeckt. Meine Mutter hat sich sehr viel Mühe gemacht, bis sie endlich jemand fand, der Stoff für das Brautkleid gegen Zucker tauschte. Es war dunkelblauer Samt. Das Kleid war lang und der Schnitt in Prinzessform. Das Futter war aus Fallschirmseide. Die weißen Schuhe waren geliehen. Frau K. hat das Kleid genäht und mir auch die Handschuhe geliehen. Ich kann wirklich behaupten, dass es ein schönes Kleid war. Wie oft bin ich in all den Jahren noch angesprochen worden, wo sich die Leute daran erinnern konnten. Selbst jetzt, wo ich im nächsten Jahr meine Goldene Hochzeit feiern würde, können sich noch viele an das Kleid erinnern. Auf dem Hochzeitsfoto kann man leider nicht das ganze Kleid sehen. Auch der Christrosenstrauß war nicht mehr frisch. Die Aufnahme wurde später gemacht. Einen Fotoapparat hatten wir nicht. So sind wir erst Tage später mit dem Zug nach W. gefahren, um die Aufnahme machen zu lassen. Der Anzug von meinem Mann war von seinem Vetter geliehen. Kaufen konnte er keinen, die Geschäfte waren leer. Im Alltag trug er die Kleider von seinem Vater, in die er zweimal gepasst hätte. Seine Sachen sind beim Bombenangriff verbrannt. Es war eine schöne Hochzeit. Bei der standesamtlichen Trauung war es kalt und windig. Am nächsten Tag war der Himmel strahlend blau mit viel Sonnenschein. Als große Überraschung fing nach der Trauung die Musik an. Eine schöne Frauenstimme sang „So nimm denn meine Hände.“ Das war sehr ergreifend und es bleibt für immer unvergessen. Es war ein Geschenk von Frau K.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Krieg, Nachkriegszeit, Flüchtlinge, Liebe, Hochzeit

Heiko Pabst: Oh du fröhliche

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Oh, du fröhliche …
Ausgrabung aus einem Tagebuch aus dem Jahre 1978

© Heiko Pabst

Teil 1: Der Schuss im Kaufhaus

Vorweihnachtszeit.

Mit ihr unterwegs in Kaufhäusern. Einen Mantel will sie sich kaufen, schön warm und nicht zu teuer. In den letzten Tagen hat sie oft gefroren. Außerdem noch eine Jeans; und wenn dann noch etwas Geld übrig bleibt eine schöne Bluse.

Es ist kalt. Draußen und drinnen.

Er hat sie heute wieder geschlagen. Wieder in der Öffentlichkeit. Und wieder ist keiner der Anwesenden eingeschritten. Wenn ich daran denke, dass all diese Leute völlig normal sind, dass ich in derselben Situation wohl genauso handeln würde, dann wird es mit kotzübel.

Er wird immer brutaler.

Dadurch wird unsere Beziehung — von der er um Gottes willen nichts erfahren darf — noch problematischer, als sie ohnehin schon ist.

Meine Ohnmacht gegenüber dieser irrationalen Brutalität macht mich krank.

Die vorweihnachtliche Einkaufswelt gleitet an mir vorbei. Nur gelegentlich bemerke ich, dass wir schon im vierten, fünften, sechsten Kaufhaus sind und immer noch nichts gefunden haben. Einen Mantel und eine Hose für dreihundert Mark? Ich habe das Gefühl, dass man uns belächelt.

Wenn sie sagt, dass jemand wie wir wohl nicht das Recht hat, es im Winter warm zu haben — ich weiß nicht, ich möchte einfach losheulen. Mitten in dieser lautlosen weihnachstbepackten Menge.

Sie möchte nicht, dass wir Arm in Arm gehen.

Weil sie Angst hat, er könnte uns zufällig irgendwo begegnen.

Ich halte das für Quatsch, sage ihr das auch. Sage ihr aber auch, dass ich sie verstehen kann.

Auf der Rolltreppe erwarte ich ständig den Schuss. Das sage ich ihr natürlich nicht. Ich weiß nicht einmal, wem er gilt. Mir oder ihr.

Die buntgestrickten Fingerhandschuhe kosten nur viermarkfünfzig. LOVE steht drauf. Sie gefallen mir sehr gut.

Als ich vorgestern mit dem Fahrrad durch Gustavsburg fuhr, um an den Häusern die Klingelknöpfe zu zählen, sind mir die Hände fast abgefroren. Wer weiß, was derjenige, der mich für diese Arbeit bezahlt, mit diesen Informationen anfängt?

Wo bleibt denn der Schuss?

Der schwarze Pelzmantel — natürlich nicht echt — wäre zwar bezahlbar, aber mir gefällt er nicht. Irgendwie drücken sich darin zu viele andere Dinge mit aus. Sie lässt es sein.

Ob sie kein Recht darauf hat, es im Winter angenehm warm zu haben?

Und ihre Kopfschmerzen. Ob das schlimm sei?

Diese entsetzliche Ohnmacht gegenüber der Brutalität.

Wo bleibt denn der Schuss?

Teil 2: Gedanken auf der Autobahn

Heiligabend zu Hause. Trotzdem bin ich bei Dir, freue mich darauf, Dich wiederzusehen.

Erster Weihnachtsfeiertag. Selbst das Feiern mit Deiner Verwandtschaft wird zum Fest. Ich sehe nur Dich, bin froh, bei Dir zu sein. Der Abend wird zum schönsten Weihnachtsgeschenk. Alleine mit Dir. Lachen, Reden, Zärtlichkeit.

Und dann der Urlaub.

Berge, Bäume, Schnee, Einsamkeit.

Oben angekommen schauen wir zurück. Im Schnee vier Fußspuren. So weit der Blick reicht.

Ich sehe Dich an. Locken, die sich unter Deiner Mütze hervorgestohlen haben. Sommersprossen. Ein Lächeln. Weiß dampft der Atem. Deine Nase ist etwas rot geworden. Du legst Deinen Arm um mich. Küsse.

In unserem Zimmer ist es angenehm warm. Ich schlafe gerne mit Dir.

Du möchtest noch einmal kurz hinausgehen. An der Tür lächelst Du mir zu.

Mit einem lauten Knarren fällt die schwere Eichentür ins Schloss. Das Licht der drei Kerzen vermag nicht den ganzen Raum zu durchdringen.

Es ist kühl.

Stille.

Pling … pling … pling. Ununterbrochen fällt ein Tropfen von der Decke des riesigen Gewölbes. Ich will aufstehen. Es geht nicht. Ein leises Knacken des massiven Stuhls, mehr nicht.

Ein Tautropfen hängt an dem hauchdünnen Silberfaden, den die große Spinne aus ihrem schwarzen Leib entlässt. Sie arbeitet regelmäßig, nicht sehr schnell. Es ist eigenartig schön, ihr zuzusehen.

Ein feines, immer dichter werdendes Netz. Mein Knie gehört schon dazu. Meine Schultern, Hände. Der Stuhl. Mein Gesicht. Mit dem ganzen Raum bin ich verbunden.

Risse in der Wand. Langsam und dunkel rinnt es heraus. Dunkelrot.

Ich will aufwachen, will, dass alles nur ein Traum ist.

Ein schöner böser Traum.

Teil 3: Heiligabend

Nachmittag

Jeder Schritt verursacht ein gedämpftes Geräusch. Abdrücke von Gummistiefeln im Schnee. Der Weg führt hinaus aus dem Dorf. Feldweg in Richtung Zuckerfabrik. Dann nach rechts. Quer über die zugeschneiten Äcker.

Meine Spuren im Schnee. Spuren von Hasen und Vögeln. Wahrscheinlich Wildenten.

Gestern war Treibjagd. Ich sah sie vom Auto aus, als ich nach Hause fuhr. Auf einem Acker etwa zwanzig Jäger im Kreis. Gewehre im Anschlag. Hunde. Ein paar Kinder. In der Mitte ein Hase. Ich will nicht hinsehen. Ob er tot ist?

Ich denke an Haike, denke an den Tod unserer Beziehung.

Plötzlich, neben mir, schreckt ein Hase auf, rennt im Zick-Zack davon. Alle Hasen haben sie doch nicht erwischt. Auch an dem kleinen Bach laufen einige herum.

Ich gehe auf die drei Bäume zu, die so dicht aneinander gedrängt und doch so einsam am Bach stehen. Ich denke an Haike. Warum ist in unsere Beziehung so plötzlich der Winter eingebrochen? Einsam stehen sie da, ohne ihre Blätter. Aber sie sind wenigstens nicht alleine.

Ich gehe weiter. Am Bach entlang. Ich denke an Haike.

Der Bach ist stellenweise zugefroren. Auf der verschneiten Eisdecke Fußspuren von Vögeln.

Es ist angenehm, im Schnee spazierenzugehen. Ich wäre froh, wenn Haike da wäre. Quer über die Felder. Vorbei an dem großen Nussbaum. Immer noch denke ich an sie.

Denke an das Bild, das ihr so gut gefällt.

Langsam komme ich wieder zum Dorf zurück. Die Spuren von Tieren werden seltener. Abdrücke von Schuhen begegnen sich im Schnee.

Abend

Die Geschenke sind schon längst ausgepackt. Ich bin bei Uschi. Während wir Sogo spielen, klagt Uschis Vater wieder über Schmerzen. Hämorrhoiden. Eine Krankheit, über die man Witze macht.

Später fahre ich mit Uschi zu uns. Eine eisige Stimmung schlägt uns entgegen. Während ich weg war, hat meine Mutter eine Auseinandersetzung mit meiner Schwester gehabt. Schweigen. So weit ich zurück denken kann, läuft bei uns zu Hause Weihnachten auf diese Weise ab. Streit. Tränen. Schweigen.

Uschi will noch einmal sehen, wie es ihrem Vater geht.

Die Schmerzen sind unerträglich geworden. Ich sitze in der Küche, beschäftige mich mit dem Puzzle, das Hans-Berthold angefangen hat, denke an Haike und höre Uschis Vater vor Schmerzen brüllen.

Wir fahren zum Notarzt. Er kommt mit, sieht sich den Patienten an. Ich höre ihn schreien und möchte weinen.

Wir fahren zur Notapotheke. Es gelingt mir nicht, etwas zu Uschi zu sagen. Ich denke an Haike. Es tut mir alles so weh.

Um halb drei gehe ich in mein Bett. Ich denke an Haike. Ich bin zu müde, um noch weinen zu können.

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Stichwörter:
Weihnachtsgeschichte, Weihnachten, Kurzgeschichte, Liebesgeschichte, Liebe

Dieter Franz: Hochzeitstag

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Hochzeitstag

© Dieter Franz

„Also, Liebling, dann sehn wir uns um acht. Ich freu mich auf dich.“

Horst legt den Hörer auf und lehnt sich in den Bürosessel. Er schließt die Augen und denkt an seine Frau. „Ach, Susanne, jetzt sind wir schon so lange verheiratet und ich liebe dich immer noch wie am ersten Tag.“ Er greift nach seiner Aktentasche und zieht ein silbernes Döschen aus dem Geheimfach. Als er die graublaue Pille heraus nimmt, muss er schmunzeln. „Nein, Susanne, die ist nicht für uns beide. Die ist für die Vorspeise.“ Kurz darauf verlässt er das Büro.

Er startet den Wagen, legt eine CD ein und drückt die „repeat“-Funktion. Dann fährt er los. Die ganze Fahrt über erklingt das Liebesgeflüster von Jane Birkin und Serge Gainsbourg „Je t’aime moi non plus“.

Vor der Ausfahrt vergewissert er sich im Rückspiegel, dass ihm niemand folgt. Auch auf dem Waldweg zur Villa ist keine Menschenseele zu sehen.

Mona empfängt ihn mit einem Augenzwinkern. „Hallo, wir haben dich schon erwartet. Same procedure as every year?“

„Ja, klar, was sonst?“

„Na, dann nimm Platz. Du kannst dich freuen. Heute sind acht Mädchen da. Ich werde sie gleich holen.“

Mona hat nicht zu viel versprochen. Acht Mädchen – eine schöner als die andere. Veronice, Sandy, Mina und Angelique kennt er schon, die anderen Mädchen sind neu hier. Zum heutigen Festtag muss es was Besonders sein. Seine Wahl fällt auf Mai Lin und Angelique. Die asiatische Schönheit als Zofe und Angelique als gestrenge Herrin.

Als Horst das Etablissement verlässt, bleibt noch genügend Zeit um den Blumenstrauß in der Gärtnerei abzuholen.

„Guten Abend, Herr Berger, es ist schon alles vorbereitet. 17 Rosen. Die schönsten, die wir haben. Für jeden Hochzeitstag eine. Ist das nicht ein wunderschöner Strauß? Da wird sich Ihre Frau bestimmt sehr freuen.“

„Ja, das wird sie ganz bestimmt.“

Horst wechselt noch ein paar Worte mit der dicken Blumenfrau. Dann nimmt er den prächtigen Rosenstrauß und verabschiedet sich: „Jetzt muss ich aber los. Einen schönen Abend noch, Frau Landmann.“

„Danke, Herr Berger, das wünsche ich Ihnen auch. Und richten Sie Ihrer Frau bitte meine besten Glückwünsche zum Hochzeitstag aus.“ Die dicke Blumenfrau schaut ihm hinterher und eine Träne der Rührung rinnt über ihre Wange. „So ein schönes Paar. Und so ein aufmerksamer Mann.“

Bevor Horst den Wagen startet, zieht er das silberne Döschen aus der Aktentasche. Vergnügt betrachtet er die graublaue Pille auf seiner Handfläche und murmelt leise vor sich hin: „So, meine geliebte Susanne, die ist für uns beide.“

Pünktlich um acht kommt Horst zu Hause an. Susanne begrüßt ihn schon an der Tür.

„Hallo, Schatz, schön dass du da bist.“

„Hallo, Liebling, der ist für dich. Alles Liebe zum 17. Hochzeitstag.“

Freudestrahlend nimmt Susanne den Rosenstrauß in Empfang.

„Liebling, du siehst bezaubernd aus. Noch verführerischer als sonst. Wie schaffst du das bloß?“

„Na, zu unserem Festtag muss ich dir doch was Besonderes bieten, mein Schatz. Setz dich und lass uns gleich anstoßen.“

Horst kann die alljährliche „Hochzeitsnacht“ kaum erwarten und leert das Glas in einem Zug. Plötzlich spürt er eine tiefe Müdigkeit. Ehe er etwas sagen kann, sinkt er auf dem Sofa in sich zusammen.

Susanne streicht ihm liebevoll übers Haar. „Schlaf gut, mein Liebling. Danke für die 17 Jahre unserer Ehe. Danke auch für die wunderschönen roten Rosen, die du mir seit unserem dritten Hochzeitstag geschenkt hast. Aber 150 Rosen sind genug, meinst du nicht auch?“

Zufrieden lehnt sie sich in den Couchsessel, leert ihr Glas und lauscht Jane Birkins und Serge Gainsbourgs „Je t’aime moi non plus“.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Liebesgeschichte, Hochzeitstag, Rosen

Dieter Franz: Das russische Mädchen

Das russische Mädchen

© Dieter Franz

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich beobachtet werde.

Ich hielt den Blick angestrengt auf das Buch gerichtet. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass mir eine junge Frau gegenübersaß. Kurzer dunkelroter Rock, wohlgeformte, leicht gebräunte Beine.

Ich spürte, dass sie mich noch immer beobachtete, starrte auf die Zeilen, die allmählich vor meinen Augen verschwammen. Ich atmete tief durch, wartete bis sich mein Herzschlag beruhigt hatte. Ich fasste allen Mut zusammen und schaute ihr ins Gesicht.

Sie hatte große Augen. Große, dunkle Augen. Wunderschöne Augen. Traurige Augen.

Stumm begegneten sich unsere Blicke.

Verzweifelt suchte ich nach Worten.

Sie senkte den Kopf und schaute auf ihre Hände, die sie gefaltet im Schoß hielt.

Ich starrte sie unverwandt an. Immer noch suchte ich nach Worten. Aber ich wusste, dass es längst zu spät war.

An der Haltestelle „Wagengasse“ sprang sie auf, schenkte mir einen grußlosen, traurigen Blick und hastete aus dem Bus.

Ich schaute ihr nach, wie sie mit gesenktem Blick Richtung Steinstraße lief.

Das Bild dieser faszinierenden Frau ließ mich nicht mehr los.

Ich war unruhig, rastlos, versuchte mich abzulenken, aber es gelang mir nicht. Ich ging früh zu Bett und versuchte das Geschehene zu ordnen.

Ich war wie üblich mit der Linie 17 von der Arbeit nach Hause gefahren, aber eine halbe Stunde später als sonst. Sogleich hatte ich mich in meine Lektüre vertieft, den Fahrgästen keine Beachtung geschenkt. Als ich sie bemerkte, hatte der Bus bereits das Jägerhaus passiert. Wahrscheinlich war sie auf dem Universitätscampus zugestiegen.

Bestimmt war sie eine Studentin. Sie war wohl neu an der Uni, das Sommersemester hatte gerade begonnen. Ich überlegte, was sie studieren mochte. Germanistik oder Fremdsprachen, vielleicht auch Jura oder Biologie. Nein, wohl doch eher was mit Sprachen.

Ich versuchte ihr Bild zusammenzusetzen. Die großen dunklen traurigen Augen. Die schmale Nase. Der volle Mund. Das braun glänzende lange glatte Haar. Das schmale, leicht kantige Gesicht. Je länger ich die Einzelteile zusammenfügte, umso deutlicher spürte ich, dass ich noch nie im Leben ein schöneres Gesicht gesehen hatte. Ich musste sie unbedingt wieder sehen.

Wieder spüre ich es ganz deutlich: Ich werde beobachtet. Ich drehe mich um. Ein Schleier. Oder ist es ein Nebel? Ein Gesicht. Konturen verwischt. Große, traurige Augen. Grell geschminkte Lippen formen tonlose Worte in einer fremden Sprache. Der dunkelrote Rock reicht nur knapp über die Scham. Feuerrot lackierte Fingernägel ziehen den Saum zurück. Die Schenkel öffnen sich. Eine mächtige Kraft zieht mich zwischen die gespreizten Beine. Ein Abgrund. Ich falle. Ich falle. Ich falle.

Ich schnellte hoch. Um mich herum war alles dunkel. Mein Herz pochte, Schweiß perlte auf meiner Stirn. Ein Blitz durchzuckte meine Wirbelsäule. Erst als ich die warme feucht-klebrige Masse zwischen meinen Beinen spürte, wurde mir bewusst, dass ich geträumt hatte.

Am nächsten Tag hatte ich nur einen Gedanken. Ich musste sie wieder sehen. Ich konnte den Feierabend kaum erwarten. Ich fuhr, wie am Vortag, eine halbe Stunde später als üblich mit der Linie 17 von der Arbeit nach Hause. Ich hoffte, ich würde die unbekannte Schöne treffen. Aber sie kam nicht.

Auch an den folgenden Tagen hatte ich kein Glück. Die Gedanken wurden immer bohrender. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. In der Nacht rissen mich Strudel der Erregung in den Abgrund. Am Arbeitsplatz konnte ich mich auf nichts konzentrieren.

Ich nahm eine Woche Urlaub. Ich musste sie finden. Von morgens bis abends fuhr ich die Strecke ab. Systematisch durchkämmte ich die Umgebung der Steinstraße. Stundenlang durchstreifte ich den Universitätscampus. In der Mittagszeit observierte ich die Mensa. Ich durchsuchte Hörsäle und Seminarräume. Ohne Erfolg.

Und dann sah ich sie doch. Es war Freitagnachmittag. Ich saß in der Linie 17, war traurig, dass die unbekannte Schöne auch heute nicht zugestiegen war. Neben mir hatte eine Studentin Platz genommen, die mir schon öfter aufgefallen war. Ihre Bücher und Notizhefte waren in kyrillischer Schrift geschrieben. Irgendwann hatte ich das Wort „MOCKBá“ identifiziert. Von da an war sie für mich „die russische Studentin“. Als sie an der Wagengasse ausstieg, sah ich, wie sie jemandem freudig zuwinkte. Es war die unbekannte Schöne! Die beiden eilten aufeinander zu und umarmten sich herzlich. Ich schnellte hoch. Zu spät! Der Bus war schon losgefahren. Ich brüllte „Halt! Haaalt!!! Haaalt, verdammt noch mal!“, aber Busfahrer fuhr stur weiter. An der nächsten Haltestelle stürmte ich aus dem Bus und rannte zurück. Fieberhaft suchte ich die Gegend ab, aber ich konnte sie nicht finden.

Der kurze Augenblick des Wiedersehens hatte mir neue Hoffnung gegeben. Den ganzen Abend grübelte ich über das Zusammentreffen der beiden Frauen nach. Kein Zweifel, die unbekannte Schöne hatte an der Bushaltestelle auf die russische Studentin gewartet und die beiden kannten sich sehr gut. Meine unbekannte Schöne war offenbar auch eine russische Studentin. Plötzlich packte mich eine Unruhe. Die andere hatte lange blond gefärbte Haare und war stets grell geschminkt und aufreizend gekleidet. Wenn ich sie sah, musste ich immer an Russenmafia, Mädchenhandel und Edelbordelle denken. Ich war mir sicher, dass sie ihr Studium in diesem Milieu verdiente. Aber meine Schöne war ganz anders! Sie war unschuldig, sie war rein. Eine traurige Unschuld, eine Heilige, eine Göttin.

An den folgenden Tagen durchsuchte ich die Gegend um die Wagengasse und die Steinstraße akribisch. Wo immer ich auf einem Namensschild einen osteuropäisch klingenden Namen entdeckte, fragte ich nach der unbekannten Schönen, erntete Köpfschütteln, Unverständnis, Neugierde, Hilfsbereitschaft. Aber ich fand keine Spur.

Die Hoffnung schlug um in tiefe Traurigkeit. Meine Arbeit erledigte ich wie ein Automat. Die Abende verbrachte ich zu Hause. Ich schrieb. Schrieb Briefe. Schrieb lange Briefe und Gedichte und adressierte sie „An das russische Mädchen“. Wochen vergingen. Der Strudel der Traurigkeit riss mich tiefer und tiefer. Nur die Briefe gaben mir einen Halt. Wenn ich schrieb, war ich bei ihr. In den Briefen waren wir eins, die Worte das Band unserer Liebe. Ich lebte für die Stunden, in denen meine Zeilen das Band um mich und mein russisches Mädchen schlangen.

Ich lebte schon ganz in der Welt meiner Liebesworte, als ich sie unerwartet wieder sah. Ich stand im Supermarkt in der langen Kassenschlange, da sah ich wie sie draußen vorbeilief. Ich kämpfte mich durch die wütende Menge. Als ich auf der Straße ankam, war keine Spur von ihr zu sehen. Ich spürte eine freudige Erregung. Mich durchspülte mich eine Woge der Hoffnung, ein Hochgefühl des Glücks. Ich hoffte es, ich spürte es, ich wusste es: Ich würde sie bald wieder sehen.

Ich war so hoffnungsfroh, dass ich mich am frühen Abend entschloss, mal wieder in die Meerbuschstraße zu fahren. Mit der Straßenbahn fuhr ich zum Schlossberg und ging die kurze Strecke zu Fuß.

Die Alte, klein, dick, tausend Falten im Gesicht, empfing mich gut gelaunt wie immer.

„Ah, du bist’s. Du warst aber schon lange nicht mehr bei uns. Du hast doch nicht etwa eine Frau gefunden?“

„Nein, leider nicht … noch nicht … oder vielleicht doch …“

„Was ist denn mit dir los? Du bist ja ganz … ach, egal … komm rein. Bei uns kriegst du immer was du suchst. Hast du einen bestimmten Wunsch? Die Veronique?“

„Nein, erst mal schaun, wer alles da ist.“

Sie führte mich durch den schmalen Gang.

„Da, nimm Platz, ich hole die Mädchen. Es sind auch zwei neue da.“

Ich ließ mich in das mächtige Ledersofa sinken und rückte mein Jackett zurecht. Lehnte ich mich entspannt zurück.

Ich musste nicht lange warten. Die Mädchen kamen herein. Hinter dem Vorhang nur schemenhaft zu erkennen. Es waren sechs. Als sie sich formiert hatten, wurde der hauchzarte Schleier zurückgezogen.

Ich erkannte sie sofort.

Sie war die dritte von links.

Ein dumpfer Schmerz presste meine Brust zusammen. Mir stockte der Atem. Meine Finger krallten in das kühle Leder.

Die Mädchen stellten sich der Reihe nach vor. Bilder rasten an mir vorbei. Haut. Nackte Haut. Helle Haut. Dunkle Haut. Blondes Haar. Dunkles Haar. Lackstiefel. Hochhackige Schuhe. Leder. Latex. Peitsche. Blanke Busen. String-Tanga. Feste Pobacken. Rasierte Schamlippen. Wortfetzen wirbelten durch meinen Kopf. Patricia … auch anal … Mona … SM … Natascha … Veronique … beidseitig Französisch … Sue Lin … anschmiegsam, gefügig … Sarah … auch Extras … Natascha … Natascha … Natascha …

Ein Moment lang war alles schwarz.

Dann sah ich nur noch sie. Ihr Gesicht. Ihre Augen. Ihre großen, traurigen Augen. Ich starrte sie an. Sie hielt meinen Blick.

Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ich war am Ziel. Ich hatte sie gefunden. Natascha! Natascha! Meine Natascha!

Ich löste den Blick, wandte mich zu dem Thai-Mädchen, lächelte sie an und sagte mit brüchiger Stimme: „Wir beide.“

Während die fernöstliche Schönheit überrascht auf mich zukam, glaubte ich ein wehmütiges aber freundliches Lächeln auf Nataschas Gesicht erkennen zu können.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Liebesgeschichte, Liebe

Jenny Silver: Liebessolo

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Liebessolo

© Jenny Silver

Lass die Finger kreisen
auf meiner vollen Brust,
entlocke spitze Schreie
mir, meiner süßen Lust.

Lass sie wandern weiter
hinab ins enge Tal
heize das Begehren
zur Wonne, Lust, zur Qual.

Perle, meine Perle,
führ auf den Gipfel mich.
Lass mich die Liebe spüren,
mit mir allein, nur ich.

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Stichwörter:
Liebe, Liebesgedicht, Gedicht